Vor einer Woche bettete ich eine Bewohnerin, die mich nach dem Wetter fragte. Warum auch immer, antwortete ich ihr mit: “Dunkel wars, der Mond schien helle, als ein Auto blitzeschnelle, langsam um die Ecke fuhr…”. Dieses waren die Anfangsworte eines von mir sehr geliebten Gedichts, welches mir meine Oma damals sehr oft aufgesagt hatte, neben den vielen anderen Gedichten und Liedern.
Sie ist ein wandelndes Gedichte- und Liederbuch.
Die Bewohnerin stimmte mit ein und wir begannen es abwechselnd aufzusagen. Allerdings hackte es an vielen Stellen am Text.
Ein paar Tage später ging ich den Gang des Seniorenheimes entlang und begegnete einer anderen Bewohnerin, die ich von einer kurzen Behandlung her kannte. Wir begrüßten uns herzlich und aus dem Nichts begann sie dieses Gedicht aufzusagen…
Ich musste so sehr lachen, aber auch bei ihr hackte es am Text.
Nun hab ich die Zeilen wieder ausgegraben, zu Ehren meiner Oma und weil es einfach ein tolles Gedicht ist. Hier die komplette Fassung:
Verkehrte Welt
Christian Morgenstern – “Verkehrte Welt”
Dunkel war’s der Mond schien helle,
Schnee bedeckt die grüne Flur
als ein Auto blitzeschnelle,
langsam um die Ecke fuhr.Drinnen saßen stehend Leute,
schweigend ins Gespräch vertieft,
als ein totgeschossner Hase,
auf der Sandbank Schlittschuh lief.Und der Wagen fuhr im Trabe,
rückwärts einen Berg hinauf.
Droben zog ein alter Rabe
grade eine Turmuhr auf.Ringsumher herrscht tiefes schweigen
und mit fürchterlichem Krach,
spielen in des Grases Zweigen
zwei Kamele lautlos Schach.Und auf einer roten Parkbank,
die blau angestrichen war,
saß ein blondgelockter Jüngling
mit kohlrabenschwarzem Haar.Neben ihm ne alte Schrulle,
zählte kaum erst 16 Jahr,
In der Hand ne’ Butterstulle,
die mit Schmalz bestrichen war.Droben auf dem Apfelbaume,
der sehr süße Birnen trug,
hing des Frühlings letzte Pflaume
und an Nüssen noch genug.Von der regennassen Straße
wirbelte der Staub empor
und der Junge bei der Hitze
mächtig an den Ohren fror.Beide Hände in den Taschen
hielt er sich die Augen zu.
Denn er konnte nicht ertragen,
wie nach Veilchen roch die Kuh.Holder Engel, süßer Bengel,
furchtbar liebes Trampeltier.
Du hast Augen wie Sardellen,
alle Ochsen gleichen Dir.Und zwei Fische liefen munter,
durch das Blaue Kornfeld hin.
Endlich ging die Sonne unter
und der graue Tag erschien.Und das alles dichtet Goethe
Als er in der Morgenröte
Liegend auf dem Nachttopf saß
Und dabei die Zeitung las.
Das Schreiben habe ich gestern Oma telefonisch durchgegeben, sie hat sich sehr gefreut und hat vor, es am Heiligen Abend in Tangermünde bei Friedemann selbst zu lesen. Liebe Grüße
Muahahaha, da wird sich Friedemann aber freuen.
Der hat nun nicht gerade das Alter für Gedichte 
Aber es freut mich auch, dass sie sich gefreut hat.