Moratorium Pflegenoten!

Eigentlich wollte ich über was anderes schreiben, aber dieser Artikel bzw. Aufruf  zur Abstimmung schreit förmlich dazu gepostet zu werden. Ich möchte auch gar nicht weiter auf die Thematik eingehen. Kurze Vorinformation:

Seit 2009 werden von den Medizinischen Diensten der Krankenkassen (MDK) an Pflegeheime und Pflegedienste Pflegenoten verteilt: zwischen eins und fünf. Sie sollen den Verbraucher informieren, Transparenz schaffen und die Auswahl eines Pflegedienstes und Heimes erleichtern. Auch sollen sie dazu beitragen, die Qualität in den Heimen und Pflegediensten zu erhöhen: Wer kann es sich schon leisten, dass eine schlechte Note über seine Einrichtung veröffentlicht wird? Was auf den ersten Blick einleuchtet – warum soll es nicht auch Verbraucherschutz und Transparenz auf dem Pflegemarkt geben? – löst auf den zweiten Blick Bedenken aus. Ist der Weg der Pflegenoten der richtige? Die Unterzeichner sagen „nein“. Dies nicht, weil sie etwas gegen Transparenz hätten, nicht, weil sie eine schlechte Note fürchten, sondern weil sie den eingeschlagenen Weg für grundlegend falsch halten. Die Argumente gegen Pflegenoten lassen sich – wie folgt – zusammenfassen:

Nur einige Absätze aus dem Moratorium möchte ich besonders hervorheben, da ich Ihnen vollstens zustimme:

2.) Erst die Pflicht, dann die Kür

Für elementare Fragen der Lebens- und Versorgungsqualität von Bewohnerinnen und Bewohnern von Pflegeheimen und Pflegebedürftigen zuhause gibt es eine Vielzahl an Kriterien, die über die in den Qualitätsprüfungen thematisierten hinausgehen: Wie steht es um die individuell erlebte Lebensqualität und Zufriedenheit, wie ist die ärztliche Versorgung gesichert, wie viele freiheitsentziehende Maßnahmen werden in den Einrichtungen oder aber zuhause ergriffen, wird die soziale Teilhabe gesichert? In all diesen Bereichen gibt es sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich erhebliche Probleme, von denen die Pflegenoten ablenken.

5.) Pflegemarkt?

Das Konzept der Pflegenoten basiert auf einem Verständnis von Pflege als marktgängige Dienstleistung. Ein solches Verständnis von Pflege greift sowohl fachlich als auch gesellschaftlich und kulturell zu kurz. Es reflektiert nicht das, was lebensweltlich für Menschen mit Pflegebedarf individuell bedeutsam ist, was es an unterschiedlichen kulturellen Prägungen zu respektieren gilt, was im Gesetz als zu entwickelnde Kultur des Helfens verankert ist. Es sieht nicht den auf Pflege angewiesenen Menschen als Koproduzent und vernachlässigt die Qualitätsverantwortung von Angehörigen und Bürgerschaft. Pflege ist mehr als Dienstleistung. In der Pflege zeigt sich die Solidaritätsbereitschaft und Mitverantwortung von Angehörigen und Bürgerinnen und Bürgern. Die Pflegenoten reduzieren Pflege auf eine Dienstleistung, gaukeln eine Souveränität der Kunden vor und gehen an den zentralen – infrastrukturellen – Entwicklungsaufgaben vorbei.

6.) Noten ohne Aussagewert

Qualitätsprüfungen und insbesondere die Pflegenoten führen zu einer Aufmerksamkeitsverlagerung sowohl in den Diensten und Einrichtungen als auch in der Öffentlichkeit. Für relevant wird das erklärt, was geprüft wird. Pflegedienste und Heime lernen, wie man gute Noten erzielt, und dies unabhängig von den Qualitätseffekten für die Pflegebedürftigen. Der bürokratische Aufwand ist enorm, der Aussagewert der Pflegenoten in der Tendenz immer unbedeutsamer: In Baden-Württemberg liegt der Schnitt schon bei 1,2. Und: Für den Verbraucher ist nicht erkennbar, welchen Aussagewert die Noten haben.

9.) Deprofessionalisierung der Pflege
Die Prüflogik führt zu einer gefährlichen Konzentration auf eine Pflege, die im Zentrum nicht mehr der Beantwortung der komplexen Situationen und Bedürfnisse Pflegebedürftiger gilt, sondern sich an den Erfordernissen von Prüfsituationen und –katalogen ausrichtet. Dies steht im Gegensatz zu den beruflichen Normen und berufsethischen Grundlagen. Es entstehen gefährliche Differenzen in der gelebten und erlebten Praxis, die die Attraktivität des Berufes insgesamt mindern und die Arbeit der Pflegekräfte nicht ausreichend würdigen. Vor dem Hintergrund der schwierigen Situation, die pflegerische Versorgung der Bevölkerung auch zukünftig durch ausreichend professionell ausgebildete Fachkräfte abzusichern, stellen Verfahren wie die Pflegenoten eine zusätzliche Hürde dar, den Beruf als attraktiv und selbstbestimmt vermitteln zu können.

Weitere Punkte können im oben verlinkten Moratorium gelesen werden. Schön wäre, wenn ihr noch mit Ja abstimmen würdet. Oder mal einige Kommentare durchlesen, die dort veröffentlicht wurden. Man findet dort viele, gute Gedanken und Kritiken an die Pflegebegutachtungen/ Pflegenoten.
Z.B.:

… was nützt es, wenn der Mensch bei den Prüfungen zweitrangig ist und mehr wert auf die Dokumentation gelegt wird. Ernähre ich einen pflegebedürftigen nicht sachgemäß, nur weil in der Doku nicht steht, das er gern Eierkuchen ist? Pflege ich Ihn nicht sachgerecht, nur weil der Deo – Roller nicht erwähnt wurde, der Patient mir aber sagen kann was er für Pflegeprodukte nimmt und sie dann auch Verwendung finden? Pflege ich besser, wenn alles zwar geschrieben steht und dann vieleicht keine Anwendung findet, aber für den MDK nur gilt was geschrieben steht? Die Willkür mit der der MDK vorgeht, ist nicht gerade förderlich für unseren Beruf, er ist nicht mehr Attraktiv genug um junge Menschen dafür zu begeistern, daraus folgt schon jetzt ein akuter Personalmangel, welcher sich in den nächsten Jahren noch verschärfen wird und wir “alten” irgendwann auch nicht mehr können, wer wird dann pflegen? Ich bin jetzt 18 Jahre im Beruf und habe ihn immer gern ausgeübt, jedoch in letzter Zeit stelle ich mir oft die Frage wielange ich dies noch schaffe!…“

2 comments on “Moratorium Pflegenoten!

  1. ja, das stimmt schon Menschlichkeit läßt sich nicht bürokratisch oder statistisch erfassen, aber ich denke eh, der alte oder kranke oder wie auch immer mit weniger Lobby ausgestatteter Mensch findet nur noch wenig Beachtung in der von Profit und Effizienz geprägten Welt…….

    • Ja, so ist das leider. Aber irgendwie wird immernoch nichts unternommen.

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